
Monatelang wurde verhandelt, dann kam die große Überraschung: Nachdem die SPD abgesprungen war, wird DIE LINKE im Landtag einer Verfassungsänderung zustimmen und so den Weg für die Einführung einer Gemeinschaftsschule freimachen. Der Saarblick hat darüber mit der bildungspolitischen Sprecherin der LINKEN, Barbara Spaniol, gesprochen:
SaarBlick: Frau Spaniol, was wird die Gemeinschaftsschule den Schülerinnen und Schülern denn bringen?
Barbara Spaniol: Für uns als LINKE stehen Kinder und Eltern im Mittelpunkt der Schulreform. Für sie wollen wir Verbesserungen im Schulsystem erreichen. Diese Chance sehen wir mit der Gemeinschaftsschule als eine gemeinsame Schule, die mit allen Schulabschlüssen unter einem Dach allen Kindern und Jugendlichen offen steht. Gemeinsames Lernen in der Gemeinschaftsschule ist europa- und weltweit üblich. Die Schulen in Skandinavien zeigen, dass das zu guten Bildungsabschlüssen führt. Wir haben auch gesagt: Wir sind realistisch und akzeptieren zwei Säulen – Gemeinschaftsschule und Gymnasium –, die nun auf Augenhöhe in der Verfassung stehen werden. Das ist ein erster Schritt auf dem Weg zur echten Gemeinschaftsschule. Aber ein neuer Name macht noch keine bessere Schule. Vieles wird von der inhaltlichen, pädagogischen Ausgestaltung der Reform abhängen, damit die Gemeinschaftsschule eine echte Alternative zum Gymnasium wird.
SaarBlick: Die SPD wirft der LINKEN ja vor, ihre Überzeugungen verkauft zu haben. Sind denn die wesentlichen Vorstellungen und Forderungen der LINKEN erfüllt oder müssen Kompromisse gemacht werden?
Barbara Spaniol: Die Einführung der Gemeinschaftsschule ist das erklärte Ziel der saarländischen LINKEN und eine zentrale Forderung im Landtagswahlprogramm. Uns geht es darum, dieses Ziel im Sinne der Schüler und Eltern umzusetzen. Das steht für uns im Vordergrund und keine Parteitaktik. Natürlich konnten wir nicht alle unsere bildungspolitischen Forderungen durchsetzen. Da hätten wir uns mehr gewünscht. Das Ja zur Schulreform ist eben definitiv ein Kompromiss. Im Laufe der Verhandlungen gab es aber Bewegung in der Sache und einiges haben wir doch erreicht: Die wohnortnahe Gemeinschaftsschule ist zugesichert, die Gestaltung der Unterrichtsorganisation ist nun verbindlicher und setzt auf ein längeres Verbleiben in Lerngruppen. Die Möglichkeiten für eine gymnasiale Oberstufe an der Gemeinschaftsschule sind klar definiert. Es werden 90 Lehrerstellen zusätzlich zur Verfügung gestellt. Es wird eine Priorität für kleine Klassen in „sozialen Brennpunkten“ geben. Die Klassen werden insgesamt kleiner. Das ist nicht die schlechteste Ausgangslage und wir werden jetzt genau hinschauen, wie die Reform umgesetzt wird.
SaarBlick: Ist die Bekämpfung des Unterrichtsausfalls noch wichtiger als kleinere Klassen?
Barbara Spaniol: Die Bekämpfung des Unterrichtsausfalls ist eine der wichtigen Aufgaben für die kommenden Jahre. Die Pläne des Bildungsministers zur Bereitstellung zusätzlicher Vollzeitstellen für die „Lehrerreserve“ kommen den Forderungen der LINKEN entgegen. Im Übrigen: Den meisten Eltern ist es egal, ob 24, 25 oder 26 Schüler in einer Klasse sind. Hauptsache, es steht eine Lehrkraft zu Beginn der Stunde vor der Klasse und der Unterricht findet überhaupt statt. Alle Bildungsexperten aus den Verbänden haben uns übrigens gesagt, dass der Klassenteiler keine „Sollbruchstelle“ bei einer Schulreform sein darf. Entscheidend sei immer die Betreuung der Schüler durch die Lehrer, nämlich die sogenannte Schüler-Lehrer-Relation. Und nun soll auch noch keine Klasse größer als 26 werden? Damit können wir wohl alle für den Anfang leben.
In den kommenden Jahren wird es dann darauf ankommen, das Projekt finanziell so zu „untermauern“, dass notwendige Fördermaßnahmen problemlos umgesetzt werden können. Die Gemeinschaftsschule braucht grundsätzlich mehr Ressourcen, um den größtmöglichen Freiraum für die Entwicklung entsprechender pädagogischer Konzepte zu erreichen. Auf diesem Weg hoffen wir, möglichst viele mitnehmen zu können.